Kinodoku „Drachenmädchen“ zeigt harte Kung-Fu-Schule in China

Kung-Fu Schüler

Die größte Kung-Fu-Schule der Welt liegt in unmittelbarer Nähe zum legendären Shaolin Tempel, der vom Jahr 527 an zur Keimzelle der Kampfkunst wurde. Das Shaolin Tagou Kung Fu Institute ist dagegen jung, es eröffnete 1978. Heute trainieren hier rund 26.000 Schüler, viele belegen bei nationalen und internationalen Wettbewerben vordere Plätze – Jungen wie Mädchen. Schulleiter Liu Heike formuliert das Leitideal seiner Schule so: „Wir festigen die kollektive Mentalität.“ Lassen Sie es mich anders formulieren: Hier wird Kindern mit unbarmherzigem Drill eingeimpft, dass sie selbst nichts sind, das Kollektiv aber alles. Dass sie alles zu geben haben, um die Gemeinschaft voranzubringen. Darüber hinaus sind paradoxerweise exzellente inidividuelle Leistungen unerlässlich. Was wie für die Kamera einstudiert wirkt, findet Sonntag für Sonntag statt. Eine sinnliche Repräsentation eines Weltbilds, das grundverschieden ist deren individualistischen Sicht des Westens. Was diesen Unterschied ausmacht, spürt Westmeier anhand des Schicksals von drei Mädchen nach, deren Lebensinhalt Kung Fu ist. Für Xin Chenxi, neun Jahre alt, und Chen Xi, 15, beginnt der Tag um 5.40 Uhr. Er besteht aus Training, Schulunterricht, einem kurzen Mittagessen. Freizeit oder Pausen sind unbekannt. Das Essen ist miserabel, auch im eiskalten Winter wärmt keine Heizung.

Kampfsport ist in der rechtsextremistischen Szene hip

Doch es geht ihnen oft nicht um Sport. Bei Events und in Studios rüsten sie sich für den Kampf auf der Straße, zeigen Recherchen des ARD-Magazins Monitor. Wir haben der 13. Oktober 2018 in Ostritz, Sachsen: Direkt an der polnischen Grenze findet das Kampfsportevent „Kampf der Nibelungen“ statt. Journalisten oder szenefremde Gäste sind schlimm. Es gibt eine geschlossene Gesellschaft, das Gelände abgemacht abgeschirmt. Auf der Internetseite der Veranstaltung heißt es, das Turnier solle für „junge Deutsche“ sein. Hier müssen sich die Sportler ausdrücklich nicht „zur freien demokratischen Grundordnung“ bekennen, schreiben die Veranstalter. Sie wollen ihren Sport „nicht als Teil eines faulenden politischen Systems“ verstehen. Per exemplum kommen sie, die Rechten und die ganz Rechten – rund 700 Besucher. Noch weit mehr Opfer von Neonazi-Gewalt? Hierbei Einlass ist Robin Schmiemann beauftragt. Nach einem Raubüberfall saß er für mehrere Jahre eingebuchtet.

Kampfsport im Kino

So schön hat man den Regen lange nicht gesehen, nicht einmal auf der Berlinale, obwohl die ja bekannt ist für mieses Wetter. Es gießt in Strömen in der Anfangssequenz von Wong Kar-wais „The Grandmaster“, dem Eröffnungsfilm des Festivals. Aber die Wassermassen haben hier nichts Verdrießliches wie die Schneeschauer, die den Festivalbesuchern gerne mal entgegenpeitschen, sondern unterstützen die Zeitlupen-Choreografie eines Kung-Fu-Kampfes und machen die Schnelligkeit von Bewegungen sichtbar wie sonst nur gezeichnete Geschwindigkeitslinien im Comic. Um es vorweg zu nehmen: Der erste realistische Martial-Arts-Film des chinesischen Kino-Poeten Wong bleibt ästhetisch auf diesem Niveau, „The Grandmaster“ (Original: „Yi Dai Zong Shi“) steht Meisterwerken wie „In The Mood For Love“ oder „2046“ visuell in nichts nach. Erzählt wird die Geschichte Ips, einem Sohn reicher Kaufleute aus Südchina, der in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ein bewunderter Kung-Fu-Meister ist. Norden und Süden des Landes stehen sich jedoch zum damaligen Zeitpunkt nicht nur durch gesellschaftliche Gegensätze feindselig gegenüber, auch die Kung-Fu-Gemeinde ist gespalten durch verschiedene Ausprägungen der Kampfkunst. Ip, gespielt von Wongs Dauerdarsteller Tony Leung, soll Kung-Fu-Statthalter des Südens werden und muss daher gegen den dominanten Großmeister aus dem Norden antreten. Ip gewinnt, doch Gong Er (Zhang Ziyi), die Tochter des Großmeisters, sinnt darauf, die Familienehre wiederherzustellen und fordert nun ihrerseits zum Duell – atomar Bordell, das als Kampfkünstler-Hangout genutzt wird.

Kung-Fu Schüler sind in China hoch angesehen

Die Universitäten der chinesischen Provinz Huan belohnen Bewerber, die Kung-Fu können. Bei der Aufnahmeprüfung bekamen die Anwärter Heuer gegen Vorlage eines Kampfsport-Diploms 20 Punkte gutgeschrieben. Diese Diplome gibt es allerdings nicht umsonst: Um den Dreh 20.000 Yuan (3000 Euro) kostet so ein Kurs und damit mehr, als viele Chinesen Zeitpunkt verdienen. Für wohlhabende Eltern ist es andererseits eine Möglichkeit, ihrem Kind den entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Der Kampf plus/minus Studienplätze ist in China knallhart. Nicht einmal jeder Dritte besteht die berüchtigten Aufnahmetests, auf drei Millionen Studienplätze kommen zehn Millionen Bewerber. Dass Sportler bei der Bewerbung die besseren Karten haben, ist üblich. In der Küstenstadt Xiamen etwa gehört ein Marathon zur Prüfung, berichtete der britische „Guardian“. Diesjährig wurden allerdings 30 Läufer ausgeschlossen, weil sie versuchten, zu schummeln. Einige der Faulpelze fuhren Teile der Strecke dabei Bus, andere heuerten Fremdläufer an, um erst seit kurzer Zeit vorm Ziel wieder ihren Platz einzunehmen.

Leben der Shaolin Tagou

Mit unvoreingenommener Neugier nähert er sich dem Leben an der Shaolin Tagou und fängt es in kraftvollen Bildern ein, die in ihrer Komplexität und Tiefe jede TV-Doku übertreffen, also unbedingt ins Kino gehören. Aber sie zeigen nicht nur militärischen Drill und Kinder in Kampfpositur, sondern auch eine Spontandisco im Schlafsaal oder Wasserschlachten sommers. Der Filmemacher spürt auch den Verwerfungen innerhalb der chinesischen Kultur nach, wenn er Interviews dabei Schulleiter und dem nebenan im Shaolin Tempel lehrenden Mönch Shi Yan Zhuang gegeneinander schneidet. Dabei wird deutlich, wie das mittlerweile ultrakapitalistisch geprägte, totalitäre Gesellschaftsystem eine alte Tradition aushöhlt und instrumentalisiert. Denn Kung Fu hat ungefähr so viel mit Kampfsport zu tun wie Yoga mit Bodenturnen. Ursprünglich wollten buddhistische Mönche keine Gegner umnieten, sondern ihre Meditationsfähigkeit steigern. Aber mitnichten an der Shaolin Tagou. Umso mehr bewegen und überraschen Westmeiers Interviews mit den jungen Protagonistinnen. Obwohl die Gespräche fast ständig von einem Aufpasser der Schule überwacht wurden, reflektieren die Mädchen ihr Leben mit entwaffnender Offenheit. Chen Xi trifft damit einen Punkt, der „Drachenmädchen“ so ungemein berührend macht. Der Film zeigt, welchen Preis eine Gesellschaft zahlt, die ihren Kindern keine Zeit schenkt und das Familienleben dem wirtschaftlichen Aufstieg opfert. Das Glück, es wird auf später verschoben.

Das Essen der Sumo-Ringer

Hervortreten Chanconabe, einen Eintopf, von welchem sich Sumo-Ringer hauptsächlich ernähren. Chanconabe ist, wie es aussieht, eine Wurstsuppe mit Fleischklößen und Nudeln, die in riesigen Kesseln gekocht wird. Man wird schon vom Geruch satt. Aufm Platz vor der Turnhalle sind ein paar Zelte mit Kochherden sowie Tische und Bänke aufgebaut worden, auf denen die Flüchtlinge Abhocken. Ein Dutzend Sumo-Ringer in Kimonos servieren die Suppe und verteilen sich dann auf die Tische, zur Ermutigung. Hakuho, der Superstar, setzt sich zu einer Frau aus Iwaki und ihren beiden Kindern. Ein neunjähriges Mädchen und ein siebenjähriger Junge. Hakuho ist 160 Kilogramm schwer, hat ein zerknautschtes Blumenkohlohr und einen schimmernden Zopf, der aussieht, als wäre er gebügelt, lackiert und dann auf seinem Kopf festge-tackert worden. Er wirkt freundlich, fast ein wenig hilflos. Die viele Wurstsuppe hat praktisch jede Falte aus seinem Gesicht getrieben. Er sitzt neben dem Jungen aus Iwaki wie ein Spielkamerad, der Kontakt sucht.

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